Ungefähr noch 60 Jahre.

Gestern wollte ich nur kurz meine Fotodatenbank durchstöbern. Passend zum Wetter der letzten Tage war ich auf der Suche nach einem spektakulären Regenfoto. Irgendwo im Speicher wähnte ich das plätschernde Nass. Doch ich kam nicht weit, denn da war plötzlich diese Tür auf einem meiner Bilder und diese erzählte ungefragt ihre Jahrzehnte andauernde Geschichte.

>>Lautes Gelächter erfüllte das etwas abseits gelegene Grundstück am Waldrand der kleinen Dorfgemeinschaft. Feiner Tannenduft schwirrte um  die herumalbernden Schwestern in ihren bunten Kittelschürzen und dem dauergewellten Haar. Aus der Ferne beobachtete ein etwas rundlicher Mann das unbeschwerte Treiben. Eine dieser quiekenden Frauen hatte er vor vielen Jahren geheiratet. Sie war seine große Liebe und die Mutter ihres gemeinsamen Sohnes. Schmunzelnd wandte er sich von diesem „Hühnerhaufen“ ab und ging den kurzen Weg hinunter zur Garageneinfahrt. Direkt daneben lag die Tür zum Kohlenkeller, in dem er sich auch ein kleines Büro eingerichtet hatte. Er drückte die Klinke hinunter und von da an blieb die Tür meist offen. Dies war Mitte der 70er Jahre.

„Opa! Opaaaaaa!“ schallte es durch das kleine Waldgebiet. Aufgeschreckt durch die Rufe des kleinen Mädchens erhoben sich ein paar dicke Spatzen aus dem Fliederbusch. „Meine Putte was ist denn los?“ fragte der mittlerweile ergraute, doch immer noch rundliche Mann.  „Guck mal Opa was ich gefunden habe!“ Fasziniert hielt die Kleine ihrem Großvater ein kleines, nasses Fellbündel unter die Nase. Das vor Kälte zitternde Kätzchen sah die beiden Hilfe suchend an und so öffnete er die Tür zum Kohlenkeller und  sie setzten die Fellnase in eine kleine Holzkiste. Die Frage ob das kleine Mädchen, die Katze behalten durfte, stellte sich nicht. Es gab keinen  Wunsch, den er jemals seiner Enkelin Mitte der 80er Jahre abschlagen konnte.

Er wurde alt und älter. Das kleine Mädchen auch. Die Tür wurde zum Symbol und zur großen Beständigkeit in ihrer beider Leben. Für ihn ein Rückzugsort in Trauer und Nachdenklichkeit. Für sie ein Platz der Sicherheit und des unbeschwerten Vertrauens. Die Tür stand immer offen, quietschte nur manchmal warnend im Wind. Solang er dort war, gab es keinen Grund sie zu verschließen und er war immer dort, mal sitzend an seinem Schreibtisch, mal im von Kohle verschmutzen Unterhemd werkelnd.

Die Jahre vergingen. Eines Tages heizte man nicht mehr mit Kohlen. Dieses Gebäude beheizte man gar nicht mehr. Die Tage waren gezählt. Das unbeschwerte Lachen der Schwestern verklungen. Seine große Liebe hatte viel zu früh der Tod geholt. Seinen eigenen Lebensmut hatte ihm das Schicksal genommen … und sein Sohn. Das kleine Mädchen war erwachsen geworden und anstatt laut rufend plötzlich vor der Tür zu stehen,  schickte sie ihm Briefe aus weiter Ferner.

***

 

2017 kehrte ich zurück.

Ich musste über den Zaun klettern, um an den einst so sicheren Platz meiner Kindheit zurückzukehren. Unsicher ging ich den leicht abfallenden Weg Richtung Kohlenkeller. Die mir einst so riesig erscheinende Welt war plötzlich klitzeklein.

…. und dann stand ich vor dieser Tür, die damals immer offen stand. Immer wenn er da war … mein Opa!

Es war offensichtlich, dass die Zeit und Mutter Natur von ihr Besitz ergriffen hatte. Vorsichtig legte ich meine Hand auf die Klinke und drückte sie hinunter. Die Tür war verschlossen.

Opa? Ich hätte Dich noch gebraucht … ungefähr 60 Jahre.

 

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