Eine lange Kurzberatung.

Auf solche Tage wie heute hat mein Bloggerherz gewartet.

Im Rahmen eines bürokratischen Großaufgebotes inkl. anwaltlicher Vertretung und Anträgen eines Gerichtes wurde mir heute ein Besuch bei der Deutschen Rentenversicherung Nord zu teil. Keine Sorge. Nichts Schlimmes. Kein Krieg.

Ich bin eine gesunde Perfektionistin. Lese alles und will auch das Kleingedruckte verstehen. Als gestern ein 5-seitiger „Antrag auf Kontenklärung für Geburtsjahrgänge ab 1979 (kein Rentenantrag)“ ins Haus flatterte, war ich voll motiviert. Ich hatte schon, gemeinsam mit meinen Patienten unzählige solcher Anträge ausgefüllt, aber eben noch nie selbst einen. Ich las, machte meine Kreuz bei ja oder nein, verstand mal mehr, mal weniger, machte bei 5.0 weiter, wenn bei 4.1. schon stand „…wenn nein, dann bitte weiter bei 5.0“ Ich war gut.

Unter 3.1 stand allerdings Folgendes: Haben Sie Beitragszeiten oder Beschäftigungszeiten zurückgelegt, die im Versicherungsverlauf nicht enthalten sind? Nein, bitte weiter bei Ziffer 3.3 oder ja, dann hier bitte Art und Dauer ….
Versicherungsverlauf? Ich wühlte mich erneut durch die Dokumente und weil es schon später am Abend war, googlte ich nach Rat. In einem Versicherungsverlauf sind alle Beschäftigungen, Arbeitslosenzeiten usw. aufgeführt. Dieser sollte, im besten Fall der Fälle, lückenlos sein.
Zwischen all meinen Dokumenten fand ich so einen Versicherungsverlauf nicht. Also beschloss ich doch noch bei der DRV direkt anzurufen. Es war somit noch später am Abend, doch eine freundliche Stimme der Servicehotline teilte mir mit: „Kein Problem, Sie gehen morgen einfach zur DRV Nord. Die drucken Ihnen das aus und dann können Sie prüfen und den Antrag umgehend zurückschicken.“ Frist 2 Wochen! Eilt sehr!!! Steht nämlich auf meinem Anschreiben.

Morgen ist also heute.

Am Servicepoint Nr. 1
Sie: „Gehen Sie bitte links runter! Dort melden Sie sich!“
Ich: „Danke.“

Bin am Servicepoint Nr. 2:
Sie: „Bitte?
Ich: „Ich benötige bitte einen Ausdruck meines Versicherungsverlaufs.“
Sie: „Ihre Rentenversicherungsnummer?“
Ich: Reiche Unterlagen rüber. „Brauchen Sie auch meinen Ausweis?“
Sie: „Nein. Den brauch die Kollegin gleich.“
Ich (denke): Puh. Noch ne Kollegin?
Ich: „Ok.“

Der Wartebereich ist leer. Ich sitze dort und halte stolz meine Nummer in der Hand. Auf Sylt gibt es diese Nummern übrigens auch an der Backwarentheke … anders Thema. Geht mir aber trotzdem durch den Kopf.
Ding. Dong. Meine Nummer. Ich springe auf und suche Raum 16. Klopfe.

Im Kurzberatungsraum Nr. 16.
Ich: „Moin.“
Sie: „Hallo. Bitte?“
Ich: „Ich benötige bitte einen Ausdruck meines Versicherungsverlaufs?“
Sie: „Hmm. Zeigen Sie mal her.“

Ich reiche meine fein sortieren Unterlagen, „Stapel Originale“ – „Stapel Kopien“ getrennt in Klarsichthüllen verpackt, über den Schreibtisch.
Sie zerrt alle Dokumente aus den Hüllen und baut damit einen Papierberg auf ihrem Schreibtisch.
Ich weine jetzt schon innerlich.

Ich: „Die Kollegin von der Servicehotline meinte, dass wäre ganz schnell erledigt.“
Sie: „Boah, Kurzberatung. Ich bin hier eine Kurzberatung!

Sie findet mich jetzt schon anstrengend.
Ich sie blöd.

Sie: „Das geht nicht. Ist ein Fall eröffnet, kann ich nicht in ihre Akte gucken. Außerdem das muss dem Antrag beigelegen haben?“
Ich: „Nein!“
Sie: „Doch!“
Ich: „Sicher nein und die Kollegin von der Servicehotline … „
Sie: „Nein. Außerdem wo ist das Original? Die Kopie?

Sie wühlt durch meinen Papierhaufen.
Ich traktiere, meine in Händen gehaltene Mütze, mit Kniffen.
Sie stempelt meine Anträge durch.

Ich: „Moment! Warum machen Sie das? Behalten Sie den jetzt hier?“
Sie: „Ja!“
Ich: „Nein, denn ich kann ja gar nicht bestätigen ob die Angaben stimmen. Ich kenne den Versicherungsverlauf ja nicht.“

Sie atmet.
Ich auch.

Sie: „Außerdem fehlen noch Arzthelferinnenbrief, Abschlusszeugnis UND Formular R250?“
Ich: „Hä? Ihre Kollegin aus Berlin, also die, die das Anschreiben geschrieben hat, möchte Geburtsurkunde, Ausbildungsvertrag, Gehaltsabrechnungen in Kopie. Warum werden denn bei Ihnen aus 3 Formularen 6?
Sie: „Tja! Das ist so!“
Ich: „ … und warum soll der Antrag bei Ihnen bleiben. Der muss doch zur DRV Bund? Ich möchte doch nur einen V*E*R*S*I*C*H*E*R*U*N*G*S*V*E*R*L*A*U*F?“
Sie: „Nein, also ich rate Ihnen den hier zu lassen!“
Ich: „NEIN, nur über meine Leiche.“

Sie guckt mich an.
Ich gucke sie an.
Sie grinsend: „Außerdem all das muss beglaubigt werden!“
Ich: „Was? Aber warum schreibt Frau E. aus Berlin denn Kopie und Sie sagen beglaubigt?“

Sie atmet erneut.
Ich nicht mehr.
Sie ruft in Berlin an.
Ich knete weiter meine Mütze.

Nach der üblichen Vorstellungsrunde:
Sie: „Also Frau B. (also ich) möchte den Antrag nicht abgeben, wenn sie nicht ihren Versicherungsverlauf gesehen hat.“

Ihre Unterlippe zuckt dabei nach links. Die Oberlippe zuckt nach rechts.
Bei mir zuckt nichts mehr.

Ich denke: „Ist es falsch Unterlagen einsehen zu wollen, bevor man deren Richtigkeit bestätigt?“

Sie telefoniert immer noch.

Sie: „Ja, also ich seh hier nichts. Ja. Eilt. Gerichtssache. Ja.

Sie legt auf.

Sie zu mir: „Also Frau E. aus Berlin kann auch keinen Ausdruck machen. Sie schickt Ihnen jetzt aber einen zu, dass kann 14 Tage (!!!!!) ( in Worten: vierzehn ) dauern.
Ich: „Was?“ Der Ohnmacht nah. 

Sie lacht.
Mir wird schlecht.

Sie sortiert jetzt meine Unterlagen. Tackert. Stempelt und tipp-ext auf meinen Dokumenten rum. Sie macht bei 4.2., 4.3 ein Kreuz, obwohl doch bei 4.1 steht „wenn nein, dann bitte weiter bei 5.0“

Ich: „Bitte hören Sie auf in meinen Unterlagen rumzukritzeln. Ich möchte das nicht.“
Ich denke: „Hat Ihnen Ihr Mann zu Weihnachten keinen Kritzelblock fürs Büro geschenkt?“

Sie lacht.
Ich schon lang nicht mehr.
Die Unterlagen liegen zwischen uns und jeder zieht an einer Seite des Papiers zu sich.
Ich gewinne und sammle schnell alle Unterlagen ein.

Ich: „Ich geh jetzt besser. Irgendwann wird die Gerichtssache schon abgeschlossen sein … ob mit oder ohne Rente.“
Sie: „Nein.“
Ich: „Oh doch. Das muss man alles nicht verstehen. Ich wollte einen Ausdruck. Einen Ausdruck.“
Sie: „Tja, da sind sie nicht die Einzige.“
Mir fehlen die Worte für eine weitere Kommunikation.

An der Tür stehend.

Sie: „Ach, ich weiß jetzt auch warum man Ihnen den Versicherungsverlauf nicht mitgeschickt hat.“
Ich: „Na?“
Sie: „Weil sie ja mal in Bayern gewohnt haben!“
Ich: „Achso. Na dann! Alles Gute für Sie.“
Sie: „Ihnen auch.“

Vor dem Gebäude der DRV Nord rufe ich die DRV Bund in Berlin an.

Erzähle was gerade passiert ist und schildere meine nun Total- Verwirrung.
Die Dame dort bittet mich alle angeforderten Unterlagen nach Berlin zu schicken. Nicht mehr und nicht weniger und schon gar nicht beglaubigt.

Meinen Versicherungsverlauf habe ich trotzdem nicht zu Gesicht bekommen. Wahrscheinlich in 14 Tagen. Sagt man.
Reicht ja auch, die Frist sind 2 Wochen.
Müsste locker klappen.

Ironie aus. Atmen.

P.S. Über die Tatsache, dass man mich mehrfach aufgefordert hat, einen Antrag zu unterzeichnen, an dem ggf. spätere Rentenzahlung gemessen werden, ohne die Möglichkeit zu haben diesen zu prüfen, möchte ich nicht weiter nachdenken.

 

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