Drei Etagen. Zwei leben. Eine ist tot.

1.Etage.:
20:23 Uhr. Abgehetzt und durchgeschwitzt kommt sie nach Hause. Noch schnell ein Bild aufhängen. Das Wichtigste was es an diesem Tag, um diese Uhrzeit noch zu erledigen gilt. Zwei Nägel. Ein Hammer. Zack. Fertig.

2.Etage.:
20:25 Uhr. Das junge Paar wohnt noch nicht lang in diesem Haus. Gerade ein paar Wochen. Vielleicht drei Monate oder vier. Nicht länger. Das Paar macht sonderbare Geräusche. Jeden Abend ein rhythmisches Klopfen, zu kurz um ein Schnitzel zu klopfen, zu lang um eine Fliege zu erschlagen. Auch heute Geräusche.

3.Etage.:
20:26 Uhr. Ruhe. Ruhe wie jeden Abend. Seit vermutlich neun Monaten.

1.Etage.:
20:30 Uhr. Sie grübelt über die seltsamen Geräusche aus der zweiten Etage und geht duschen.

2.Etage.:
Unkontrollierte Geräusche. Ein Schlürfen. Ein Drehen. Ein Quietschen. Ein geöffnetes Fenster. Stimmen.

3.Etage.:
Immer noch Ruhe.

1.Etage.:
Sie steht noch immer unter der Dusche, als ein Jaulen…lauter als der Wasserstrahl. Sie dreht das Wasser ab, wickelt sich in ein Handtuch, steht vorm Spiegel und zweifelt das erste Mal an diesem lauten Jaulen. Doch das Geräusch bleibt und gewinnt an Regelmäßigkeit. Augenrollend blickt sie nach oben: „irgendwann reicht es aber auch!“

2.Etage.:
Das Fenster knallt zu. Schlürfen. Stimmen. Klopfen.

3.Etage.:
Weinen. Laut. Wehklagend.

1.Etage.:
Sie sitzt auf der Couch. Lauscht dem Jaulen und bemerkt, es ist nicht das Jaulen eines Tieres oder ein neues merkwürdiges Geräusch aus dem Zweiten. Es ist das Weinen eines Menschen.

2.Etage.:
Ruhe. Irgendwie.

1.Etage.:
Rennt durch alle Zimmer,

Inzwischen im Treppenhaus.:
Die Haustür wird geöffnet und eine ältere Frau betritt das Haus.

3.Etage.:
Tür auf. Tür zu.

1.Etage.:
Sie Schreibt eine SMS: „Ich glaube er ist gestorben? Der weißhaarige Rollatormann aus dem Dritten.

2. Etage.:
Schlürfen.

3.Etage.:
Stille.

Im Treppenhaus.:
Ein Mann kommt.

3.Etage.:
Tür auf. Tür zu.

1.Etage.:
Sie macht das Licht aus. Den Fernseher. Die Musik. Google. Alles. Es wird kalt und vorm Fenster ergießt sich ein Regenschauer.

Zwei Stunden vergehen.

1.Etage.:
Sie blickt aus dem Fenster. Auf der Straße blinkt die Warnblinkanlage des Diensthabenden Notarztes.

2.Etage.:
Schlürfen.

1.Etage.:
Sie lehnt an der Wand. Stille.

Im Treppenhaus.:
Poltern. Stimmen.

1.Etage.:
Sie blickt noch immer hinaus, da bog der Notarztwagen schon wieder Richtung Wache ab.

2.Etage.:
Schritte. Leisere Stimmen. Schlürfen.

3.Etage.:
Ruhe.

Minuten vergehen.

1.Etage.:
Es ist Mitternacht. Sie geht ins Bett.

2.Etage.:
Schlürfen.

Im Treppenhaus.:
Die Haustür steht offen. Ein schwarzes Auto davor. Zwei gut gekleidete junge Männer. Ein Sarg. Sie stellen den Sarg vor die Wohnungstür in der 1.Etage. Sagen nichts.

3.Etage.:
Tür auf. Tür zu.

2.Etage.:
Schlürfen.

1.Etage.:
Sie lehnt mit der Stirn an der Wohnungstür. Es ist Nacht. Kurz nach Mitternacht.

Im Treppenhaus.:
Deckel zu. Das wars. Aus. Vorbei. So ist das mit dem Leben. Irgendwie.

1.Etage.:
Sie geht wieder zum Fenster. Die Lichter der Warnblinkanlage Blinken. Sie versteckt sich nicht. Steht in der Dunkelheit. Steht in der Nacht.

2.Etage.:
Schlürfen in Richtung Fenster. Stille.

3.Etage.:
Eine Frau steht am Fenster. Sie weint nicht mehr.

Vorm Haus.:
Der Sarg wird ins Auto geschoben. Gesichert. Die Männer halten einen Moment inne, verbeugen sich tief vor dem noch offenen Auto, so als wüßten sie, dass hinter jedem Fenster Menschen ihnen zusehen oder eben nur die Witwe im Dritten.

Es ist 0:30 Uhr als der Mond hinter der Baumspitze hervorlugt. Im Haus ist es still. Totenstill.

Am nächsten Morgen liegt auf dem Rollator im Treppenhaus ein kleines Herz aus Holz.

Tschüß Nachbar! DANKE für Alles.

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