22.000 Schritte am Meer.

Mein alljährlicher Dezemberurlaub stand vor der Tür und es ist eine gelebte Tradition einen Tag ganz allein am Meer zu verbringen. Direkt an der Wasserkante zu wandern, zwischen den Gezeiten zu treiben, die Quartalssorgen loszulassen und sich selbst aufzuräumen für das Neue was kommt.
In den Tagen vor meiner Winterwanderung wüteten mehrere Stürme über die Insel und hatten so manche naturelle Veränderung mit sich gebracht. Seit ich auf Sylt lebe bin ich eher das Nordwestinselmädchen. In der Westheide liegen schon so einige meiner Sorgen begraben und am nördlichen Weststrand hat meine Energie ihr Haus.
Ich fuhr also wie gewohnt mit dem Bus Richtung List und stieg einfach dort aus, wo mein Herz es mir befahl. Ich traf wieder auf die einsame Bank, auf der ich schon damals saß. Ich fotografierte die Hagebutten im Trieb ihres Alters. Ging leisen Schrittes über den morschen Steg und atmete das Leben.
Warum ich die Westheide so sehr liebe? Meist bin ich dort stillschweigend allein. Niemand geht mit mir diese Wege. Kein Hundegebell. Kein Kindergeschrei. Pure Natur und ich.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Westheide / Sylt

Die Stürme hatten den Strand verändert. An so mancher Stelle die Düne gebrochen, an anderer Stelle den Sand zum Denkmal gehäuft. Der Strand ist nie gleich und das Meer hat immer Recht.
Dutzende Plastikflaschen lagen mahnend im Sand. Schuhe, Tüten, Kisten und dieses Mal ein dutzend Orangen, umhüllt von Muscheln und faszinierendem Strandgut. Ich lief in meinen Winterschuhen ganz dicht in der Wasserkante und fühlte mich geliebt und frei. Kein eisiger Wind, keine Menschenseele, kein Blick. Diese Einsamkeit ist gut. Für mich.

Ich dachte über das vergangene Jahr nach. War traurig. Weinte, aber hee … mir lag das Meer zu Füssen. War es nicht vielleicht doch ein „ganz gutes“ Jahr? Hatte sich nicht doch so mancher Herzenswunsch mit Leichtigkeit erfüllt? Das Meer stimmte mich friedlich. Nahm mir die Wehmut und die Sorgen. Mit jeder Welle wurde ich beflügelter, sammelte da eine Muschel und dort einen Bernstein.

Ich lief soweit mich meine Füsse trugen. Von der Westheide nach Kampen. Von Kampen nach Wennigstedt. Von Wennigstedt nach Westerland. Meine Lippen schmeckten mittlerweile nach feinem Salz und die Hose rutschte wegen all den kleinen gesammelten Schätzen.

Am Abend saß ich mit einem heißen Tee auf der Couch und machte den Bernstein-Schwimm-Test. Was soll ich sagen? Ich hatte auf meiner 12 km Tour unzählige „mögliche“ Bernsteine gesammelt, doch es stellte sich heraus, keiner von ihnen war wahres Geld wert.
Es waren nur dusselige Steine, die für mich an diesem Tag Potential für „meer“ hatten und mir treue Wegbegleiter waren auf meiner winterlichen Reise mit 22.000 Schritten am Meer.

Buhnen (Sylt)
Buhnen (Sylt)
Lust zu Teilen? Gern. Share on FacebookTweet about this on TwitterPin on Pinterest